Strategien für unsichere Zeiten

Plötzlich ist mein Kalender für das nächste Quartal wie leergefegt… Ich fliege nicht nach Island zur Selfmade Summit meiner Mentorin Sigrun im Juni. Für Mai habe ich das mit Judith „Sympatexter“ Peters lang geplante Event EPIC 2020 sowie meine VIP-Tage auf Schloss Haigerloch abgesagt bzw. auf online verlegt. Im April ist die große, nur alle zwei Jahre stattfindende Barbershop Convention gecancelt. Ich befasse mich mit Stornierungen, Ticketrückgaben, Ausfallschäden, AirBnB-Absagen und Reiserücktrittskostenversicherungen. 

Aber hey, ich bin gesund, ich habe keine größeren Verdienstausfälle zu verzeichnen wie manche meiner Kundinnen. Dafür habe ich plötzlich jede Menge Zeit, gründlich meine Business-Strategie für dieses Jahr zu überdenken – und diese den neuen Umständen anzupassen. Und neue Umstände wird es geben. Das ist mal eins, was sicher ist!

Umgang mit Ungewissheit

Natürlich kennen wir die neuen Umstände noch nicht im Detail. Dafür gibt es einfach zu viele unbekannte Größen in dieser Gleichung. Die Ungewissheit hat Einzug gehalten in unser tägliches Leben und wir sind angehalten, uns damit abzufinden. In der vergangenen Woche haben sich die Ereignisse überschlagen und sahen sich plötzlich viele Menschen, auch in meinem direkten Umfeld, mit Verdienstausfällen konfrontiert, mit denen sie im schlimmsten Traum nicht gerechnet hätten. 

Fast stündlich gab es neue Schlagzeilen – vor einer halben Woche hat mein Partner für sich und seinen Sohn noch schnell ein Zugticket von Berlin nach Hause gebucht, bevor die Stadt in den Lock Down geht oder die Umstände dort vollends chaotisch werden. 

Meine Kinder (15 und 17) haben gemischte Gefühle, was die 5-wöchige Schulschließung betrifft. Die anfängliche Euphorie über die zusätzlichen „Ferien“ ist ziemlich schnell einem ernüchternden „Wie bereite ich mich jetzt auf Klausuren und Prüfungen vor?“ gewichen. Wir haben jetzt drei Homeschooling Kids zuhause, die ganz neu lernen müssen, selbstständig zu lernen und ihren Tag einzuteilen. 

Alle stehen vor irgendwelchen Herausforderungen – egal, ob groß oder klein. Business as usual wird erstmal für eine längere Zeit unmöglich werden. Und was danach kommt, wissen wir auch noch nicht. Denn dann wird das Normale mit Sicherheit anders aussehen, als wir gewohnt waren. Wir sind also mitten in einer Transformation. 

Wie gehst Du mit Transformation um?

Ganz ehrlich? Ich liebe Transformationsprozesse! Change Managent und Agilität sind seit Jahren ein Steckenpferd von mir – und ich bin froh, mit meiner Expertise jetzt ein wenig dazu beitragen zu können, dass die Transformation für den einen oder die andere vielleicht etwas handhabbarer wird. 

Für uns Selbstständige tauchen nämlich viele Fragen auf: Was mache ich jetzt als Unternehmer*in? Wie nutze ich die gewonnene Zeit? Wie gehe ich mit eventuellen Existenzängsten um? Wie bereite ich mich und mein Business auf eine längere Phase der Rezession vor? Welche Chancen kann ich nutzen? Und wie kann ich diese überhaupt erkennen? 

Dies sind alles Fragen, die ich der Reihe nach in diesem Artikel adressieren möchte. Letztlich geht es meiner Meinung nach hauptsächlich darum, dass wir besonnen bleiben. Dass wir unsere Mitte finden, in der Kreativität und Leadership möglich werden. Denn aus dieser Mitte heraus, können wir die Krise nicht nur bewältigen, sondern womöglich noch etwas viel schöneres daraus entstehen lassen. Auch wenn wir dies gerade vielleicht für unmöglich halten. 

3 Reaktionsmöglichkeiten

Eigentlich haben wir individuell eigentlich nur drei Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren:

1. Ich kann mich von der Welle mitreißen lassen, weiß nicht mehr wo oben und unten ist, verliere die Orientierung – und vielleicht sogar genau deshalb alles, was ich habe.

2. Ich kann stark sein und stehen bleiben, so dass die Welle mich überspült und hoffen, dass nachher alles ist wie vorher.

3. Ich kann die Welle surfen, im Flow mit ihr sein und gestärkt daraus hervorgehen.

Für welche dieser drei Möglichkeiten entscheidest Du Dich? Und was kannst Du dafür tun, dass Du möglichst in Richtung dritter Option handelst – besonders auch im Hinblick auf Dein Business? 

 

Sieben Schritte, wie Du die Welle surfen kannst, um gestärkt aus der Krise hervor zu gehen 

1. Die eigene Angst überwinden

Seien wir ehrlich: Wir haben alle Angst. Ungewissheit zieht automatisch Angst nach sich – so sind wir Menschen nunmal gestrickt. Selbst wenn Du finanziell aktuell noch nicht betroffen bist, machst Du Dir vielleicht Sorgen darüber, was noch auf Dich zukommen wird. 

Wichtig ist, dass wir uns trauen uns unseren Ängsten zu stellen. Diese wahrzunehmen und im zweiten Schritt auch anzunehmen.

In meinem Online-Kurs „Mindset einer erfolgreichen Unternehmerin“ habe ich zahlreiche Techniken und Übungen für Dich zusammengestellt, die Du verwenden kannst, um einen konstruktiven Umgang mit Deiner Angst zu pflegen. Den Kurs stelle ich für eine kurze Zeit kostenlos zur Verfügung, da ich weiß, dass er gerade von vielen gebraucht wird. 

Eine weitere Übung, die ich sehr empfehlen kann, ist Tim Ferriss’ Übung „Why You Should Define Your Fears Instead of Your Goals“. In seinem TED-Talk erläutert er Schritt für Schritt, wie man die Angst-Lähmung hinter sich lässt und wieder handlungsfähig wird. Denn Deine Handlungsfähigkeit wird zum großen Teil darüber entscheiden, wie es Dir in den nächsten Monaten und Jahren gehen wird.

2. Sich vor der Angst anderer schützen 

Eine weitere, sehr wichtige und nicht zu unterschätzende Komponente ist die Tatsache, dass Angst wie ein Virus funktioniert und extrem ansteckend ist. Dies kann auch sehr subtil geschehen, so dass wir es manchmal gar nicht so genau mitbekommen. Ich frage mich in diesen Tagen noch öfter als sonst, ob Social Media und Nachrichten-Konsum mir wirklich gut tun.

Natürlich möchte ich informiert sein und die aktuelle Lage einschätzen können. Andererseits birgt es die Gefahr, dass ich damit auch Angstmeldungen und Panikmache begegne. Deshalb achte ich in diesen Tagen verstärkt darauf, wie lange ich im Netz unterwegs bin und von welchen Quellen ich mir die Nachrichten anschaue. Gleichzeitig bin ich wählerischer geworden bei meinen sozialen Kontakten. Menschen, die selber voller Angst sind und Doomsday Szenarien verbreiten, meide ich aktuell noch mehr als sonst. 

Neben diesen präventiven Maßnahmen nutze ich weitere wie Meditation, Rückzug, Journaling, Atemtechniken, Gespräche mit meinem Mann und Bewegung an der frischen Luft. Wenn trotzdem eine Angst-Konditionierung stattgefunden hat und ich mich habe anstecken lassen, funktionieren diese Techniken ebenfalls wunderbar. 

3. Status Quo Analyse

Jetzt geht es an eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wie sieht meine aktuelle Lage aus? Wo stehe ich finanziell? Welche Ziele hatte ich für 2020? Welche Strategien machen jetzt keinen Sinn mehr? Was ist Worst Case und was Best Case? Welche Ressourcen sind aktuell vorhanden (zeitlich & finanziell)?

All dies sind Fragen, die man sich als Selbstständige*r jetzt unbedingt stellen sollte. Halte inne, blockiere einen ganzen Tag dafür und nimm Dir die Zeit, um den Status Quo gründlich zu analysieren. Mit Taschenrechner oder Excel-Tabelle! Wichtig ist, dass Du ein klares Bild von Deiner aktuellen Situation hast, um darauf aufbauend neue strategische Entscheidungen zu treffen. 

4. Mit der Zielgruppe in den Austausch gehen

Auch für Deine bisherige Zielgruppe, Deine Kunden und Deine Community hat sich die Welt geändert. Vielleicht hat sie aktuell andere Probleme als noch vor ein paar Wochen. Vielleicht ist Dein bisheriges Angebot für sie nicht mehr so relevant – dafür braucht sie gerade etwas anderes. Gehe unbedingt mit Deiner Community in den Austausch, um ihre Probleme kennen zu lernen. Verfestige die vorhandenen Beziehungen, indem Du zuhörst und Verständnis zeigst.

Überlege Dir, was Du dazu beitragen kannst, dass Deine Kunden ihre Situation besser handhaben können. Vielleicht hast Du ja noch andere Talente und kommst auf neue Ideen für hilfreiche Angebote. Innovationen entstehen nicht im Vakuum, sondern im Austausch mit anderen. Und wer sich den neuen Bedürfnissen seiner Zielgruppe anpassen kann, wird auf lange Sicht zu den Gewinnern gehören.

5. Gemeinsam Innovationen brainstormen & masterminden

Hast Du Gleichgesinnte, die gemeinsam mit Dir auf die Ergebnisse aus dem Austausch mit Deiner Zielgruppe schauen? Oft hilft der Blick von außen, um kreativ neue Ideen zu brainstormen. Wichtig ist, dass die Ergebnisse im zweiten Schritt daraufhin überprüft werden, ob sie schnell umsetzbar sind und Deiner Marktpositionierung langfristig dienen.

Ich empfehle eher nicht, jetzt komplett bei Null anzufangen – sprich: eine neue Zielgruppe zu erschließen oder völlig neue Lösungen anzubieten, die mit Deinem Kerngeschäft nichts zu tun haben. Denn auch wenn wir vielleicht in den nächsten Jahren mit einer Rezession umgehen lernen müssen, der aktuelle Sturm wird sich über ein paar Wochen (vielleicht Monate) erstrecken und sich danach auch ein stückweit wieder beruhigen. Mache Dir also Deine bisher aufgebaute Existenz nicht kaputt, indem Du sie komplett über Bord wirfst, sondern passe Dein Business den neuen Gegebenheiten an und bleibe fokussiert auf ein Kerngeschäft. 

6. Als Leader / Expertin auftreten

In Zeiten wie diese sind echte Expertise und wahres Leadership gefragt. Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln und wirklich Probleme lösen können, werden jetzt dringender denn je gebraucht. Führungspersönlichkeiten, die realistisch aber mit Zuversicht in die Zukunft blicken, geben Halt und Kraft in diesen stürmischen, unsicheren Zeiten.

Wenn Du Expert*in auf einem Gebiet bist, welches aktuell nach Lösungen schreit, trage bitte dazu bei, dass diese Lösungen schnell gefunden und umgesetzt werden können. Stelle öffentlich Deine Expertise zur Verfügung – z.B. indem Du kostenlos Hilfestellung bietest für die drängendsten Probleme. Du wirst sehen, dass es sich mittel- und langfristig auszahlen wird.

7. Dynamische Steuerung

Hast Du Ideen für neue Lösungen und Hilfestellungen gefunden, erstelle Pläne und Strategien. Wichtig ist, dass Du dabei flexibel bleibst, denn durch die Schnelligkeit, mit der die Veränderungen gerade passieren, kann es durchaus sein, dass Du sie während der Ausführung immer wieder anpassen musst. Meine Strategie, mit der ich in diesem Jahr ein neues, großes Projekt angehen wollte, hat sich nicht nur radikal verändert, sondern bekommt jetzt fast täglich eine andere Richtung.

Ich lasse mich nicht davon abhalten, trotzdem bereits jetzt mit der Umsetzung anzufangen. Stattdessen frage ich mich lieber: Wie kann ich Entscheidungen fällen, die nur den nächsten Schritt betreffen, um möglichst auch in der Zukunft agil und flexibel zu bleiben? Eines der wichtigsten Fragen, die mir bei dieser dynamischen Steuerung helfen, ist: Kann ich die Entscheidung in kleine Häppchen unterteilen und muss ich jedes Häppchen jetzt entscheiden oder geht das auch noch später? Wichtig dabei ist, dass man handlungsfähig bleibt und weiter an der Umsetzung dran bleibt. Denn durch die Umsetzung generiere ich neue Informationen, mit denen ich die nächsten Teilentscheidungen leichter treffen kann. 

Alle diese sieben Punkte oder Schritte sind natürlich nicht unbedingt linear und nacheinander zu betrachten, sondern ein ständiger, iterativer Prozess: Es werden möglicherweise Dinge passieren, die Deine Angst wieder triggern. Du brauchst den intensiven Austausch mit der Zielgruppe, um ihre sich auch verändernden Bedürfnisse zu erkennen und Deine Pläne entsprechend anzupassen. Es werden immer neue Ideen auftauchen. 

Die wichtigste Ressource in einer Krise ist die Kreativität

Wie werde ich kreativ? Wie zapfe ich meine kreative Quelle an?

Wichtig für den gesamten Prozess ist: Achte auf Deine Energie und bleibe in Deiner kreativen Mitte. Wenn Du Dich von der Nachrichten- und Ereignis-Welle überrollen und mitreißen lässt, verlierst Du schnell die Orientierung und triffst mitunter Entscheidungen, die Dir und Deinem Business nicht gut tun. Proaktiv sein ist gut – kopfloser Aktionismus schadet. Vorsichtig sein ist klug – aus Panik in Schockstarre zu geraten macht Dich machtlos. 

Wir sollten darauf achten, dass wir selber in einem guten Zustand sind – und das braucht vielleicht noch mehr Selbstreflektionskraft als sonst. Kleine Achtsamkeitsübungen, Innehalten, Kontemplationszeiten, Rückzug und das Zulassen von Nicht-Wissen sowie Leere lässt die kreative Energie in uns erwachen, so dass neue Möglichkeiten erkannt werden.

Potentiale und Fülle entstehen oft aus dem Nichts. Erst, wenn wir uns erlauben, dieses Nichts zuzulassen, tauchen innovative Ideen und Lösungen auf, die weit über das hinausgehen, was wir für möglich gehalten haben. Lösungen entstehen bekanntlich nicht auf der Ebene der Probleme, sondern oft erst aus einem neuen Bewusstsein heraus. Und dieses Bewusstsein ist höher. Höher als das vorherige. Und vor allen Dingen jenseits von Angst, Sorgen und Zweifeln. 

Ich sage nicht, dass das leicht ist. Und ich will auch nicht die Sorgen vieler Selbstständigen bagatellisieren, die jetzt mit extremen Umsatz-Einbußen zu kämpfen haben. Was ich aber bereits jetzt beobachte, ist dass diejenigen, die trotz der Rückschläge in ihrer Kraft bleiben, plötzlich neue Ideen bekommen oder „alte“ Talente entdecken – und sogar direkt dafür angefragt werden. Und wer weiß, was daraus in den nächsten Monaten alles noch entstehen wird.

Das Leben ist ungewiss – das war es immer schon, egal ob es sich vor dieser Pandemie für die meisten von uns anders angefühlt hat. Aber die vermeintliche Kontrolle war eine Illusion und wir sehen uns jetzt ausnahmslos mit der nackten Wahrheit konfrontiert, dass das Leben auf diesem Planeten alles andere als kontrollierbar ist.

Wir lernen neu zu unterscheiden, was in unserem Einflussbereich liegt und was nicht. Wir sind einerseits machtlos und andererseits auch nicht. Wir können Dinge verändern und bewegen. Lasst uns weise sein und das eine vom anderen unterscheiden lernen. Denn dann entsteht Kreativität und echtes Leadership – getreu dem Motto:

Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.